Nicht jeder Pass öffnet dieselben Türen
Ein Reisepass sieht zunächst einmal recht unspektakulär aus: ein kleines Heft, ein Wappen auf dem Einband und einige Seiten, die heute kaum noch jemand abstempelt. Trotzdem entscheidet dieses Heft darüber, ob man spontan einen Flug buchen kann oder zunächst Formulare, Kontoauszüge, Einladungen und andere Nachweise zusammensuchen muss.
Der Henley Passport Index macht diesen Unterschied jedes Jahr ziemlich deutlich. Er vergleicht 199 Reisepässe danach, wie viele von 227 Reisezielen ihre Inhaber ohne vorher beantragtes Visum besuchen können. Dazu zählen je nach Einreiseregelung auch Visa bei der Ankunft und vergleichbare unkomplizierte Genehmigungen. Der Index basiert auf Daten der International Air Transport Association und wird regelmäßig aktualisiert.1
Notiz zum Ranking: Der Henley Passport Index wird im Jahresverlauf aktualisiert. Die Zahlen in diesem Beitrag entsprechen der am 17. August 2026 abrufbaren Henley-Rangliste und einer Ende Juli 2026 veröffentlichten Meldung der Bangkok Post. Einzelne Rangplätze können sich durch Gleichstände und spätere Einreiseänderungen wieder verschieben.
Der thailändische Reisepass im ASEAN-Vergleich
Die Bangkok Post berichtete Ende Juli, dass Thailand in der damals veröffentlichten Rangliste weltweit auf Platz 63 lag. Mit einem thailändischen Reisepass waren 77 Reiseziele ohne vorherige Visumsbeantragung erreichbar.2
Die offizielle Henley-Tabelle zeigt weiterhin 77 Reiseziele, führt Thailand aber inzwischen auf Rang 62. Das ändert nichts am eigentlichen Bild: Innerhalb der ASEAN-Staaten reicht der thailändische Pass damit für den fünften Platz.1
- Singapur: 192 Reiseziele
- Malaysia: 183 Reiseziele
- Brunei: 163 Reiseziele
- Timor-Leste: 93 Reiseziele
- Thailand: 77 Reiseziele
Dahinter folgen Indonesien, die Philippinen, Vietnam, Kambodscha, Laos und Myanmar.
Platz fünf in Südostasien klingt zunächst nicht schlecht. Der Abstand zu den ersten drei Staaten ist allerdings erheblich. Besonders Singapur spielt mit seinem weltweit führenden Pass in einer vollkommen anderen Liga.
Deutschland bleibt weit oben
Der deutsche Reisepass liegt in der aktuellen Henley-Tabelle gemeinsam mit mehreren anderen europäischen Pässen auf Rang vier. Seine Inhaber können 186 Reiseziele ohne ein vorher beantragtes Visum besuchen.1
Im Vorjahr lag Deutschland ebenfalls sehr weit oben. Ältere 2026-Auswertungen nannten für Deutschland noch 185 Ziele, die aktuelle Henley-Tabelle steht inzwischen bei 186. Genau deshalb sind die absoluten Zugangszahlen aussagekräftiger als einzelne Rangplätze: Der Index ist beweglich, und viele Staaten teilen sich denselben Rang.
Die Gegenüberstellung fällt entsprechend deutlich aus:
| Reisepass | Aktueller Rang | Reiseziele |
|---|---|---|
| Deutschland | 4 | 186 |
| Thailand | 62 | 77 |
Ein Privileg, das man leicht übersieht
Wer mit einem deutschen Pass aufgewachsen ist, nimmt diese Freiheit schnell als selbstverständlich wahr. Man sucht einen Flug, reserviert ein Hotel und kontrolliert vielleicht noch, ob der Pass sechs Monate gültig sein muss. Das Visum ist für viele Urlaubsziele bestenfalls eine Randnotiz.
Mit einem thailändischen Pass beginnt dieselbe Reise möglicherweise Wochen früher: mit einem Visumantrag, einem Termin bei der Botschaft, Gebühren und Nachweisen über Einkommen, Arbeit, Unterkunft und Rückkehrabsicht. Das bedeutet nicht, dass Reisen unmöglich wäre. Es bedeutet aber mehr Planung, mehr Kosten und gelegentlich auch das Risiko einer Ablehnung.
Der Vergleich sollte deshalb nicht als Wettbewerb darüber verstanden werden, welcher Staat oder welche Nationalität besser ist. Ein Passranking misst keine Menschen. Es misst internationale Abkommen, diplomatische Beziehungen, Sicherheitsbewertungen und die Bereitschaft anderer Staaten, Reisenden unkomplizierten Zugang zu gewähren.
Thailand empfängt leichter, als seine Bürger reisen können
Aus thailändischer Sicht enthält das Ergebnis eine gewisse Ironie. Thailand lebt in erheblichem Maße vom internationalen Tourismus und macht Besuchern aus vielen Ländern die Einreise vergleichsweise einfach. Thailändische Staatsbürger erhalten im Gegenzug jedoch längst nicht überall dieselben Erleichterungen.
Einfachere Einreiseregeln für Thais, insbesondere für den Schengen-Raum, sind deshalb regelmäßig Thema diplomatischer Gespräche. Solche Verhandlungen sind kompliziert: Visafreiheit beruht häufig auf Gegenseitigkeit und betrifft neben dem Tourismus auch Migration, Sicherheit und die Zusammenarbeit zwischen Behörden.
Eine Veränderung geschieht daher selten durch ein einzelnes großes Abkommen. Meist wächst die Reichweite eines Reisepasses schrittweise, Land für Land.
Zwei Hefte mit sehr unterschiedlichem Gewicht
Deutschland bleibt auch 2026 in der internationalen Spitzengruppe. Für deutsche Passinhaber ändert sich im Alltag wenig: Der Pass gehört weiterhin zu den reisefreundlichsten der Welt.
Für thailändische Reisende ist die Situation eine andere. Rang 62 bedeutet nicht, dass die Welt verschlossen ist. Aber sie besitzt deutlich mehr Türen, vor denen zuerst ein Antrag ausgefüllt und auf eine Entscheidung gewartet werden muss.
Ein Reisepass ist eben nicht nur ein Identitätsdokument. Er ist auch ein stilles Privileg oder eine zusätzliche Hürde, die man erst bemerkt, wenn man gemeinsam dieselbe Reise plant.
Footnotes
-
Henley & Partners: “Global Passport Ranking”, laufende Rangliste (accessed 17 August 2026). ↩ ↩2 ↩3
-
Bangkok Post, gespiegelt bei The Phuket News: “Thailand passport ranking slides”, 25 July 2026 (accessed 17 August 2026). ↩