Blogdepression: Wenn selbst das Paradies nichts mehr zu erzählen hat
Es gibt Menschen, die behaupten, auf Koh Samui müsse man nur vor die Tür gehen, um etwas zu erleben. Traumstrände, tropische Stürme, Schlangen im Badezimmer, Touristen auf Motorrollern und gelegentlich ein Tierartenvertreter, der eine stark befahrene Straße mit mehr Übersicht überquert als die meisten Verkehrsteilnehmer.
Material für einen Eintrag sollte also ausreichend vorhanden sein.
Trotzdem ist hier (auf samui-samui.de) über Jahre kaum etwas passiert.
Das lag nicht daran, dass auf Samui nichts los war. Es lag auch nicht daran, dass ich die Insel verlassen hätte. Im Gegenteil: Während der Blog langsam Staub ansetzte, fand das Leben weiterhin statt. Nur der Teil, in dem ich mich hinsetze und etwas darüber schreibe, fiel irgendwann aus.
Man könnte das Blogging Fatigue nennen. Blogmüdigkeit klingt etwas zu harmlos. Blogdepression klingt dramatischer und ist deshalb für eine Überschrift besser geeignet. Gemeint ist natürlich keine medizinische Diagnose, sondern dieser eigenartige Zustand, in dem man eigentlich schreiben möchte, aber gleichzeitig sehr überzeugende Gründe findet, es nicht zu tun.
Der Anfang vom Ende
Am Anfang ist Bloggen einfach.
Man erlebt etwas, schreibt es auf und veröffentlicht es. Niemand erwartet einen Redaktionsplan, eine Keyword-Analyse oder ein Beitragsbild, das auf fünf verschiedenen sozialen Netzwerken funktioniert. Man hat eine Geschichte und erzählt sie.
Später beginnt das Denken.
Ist das Thema interessant genug? Habe ich darüber nicht schon einmal geschrieben? Braucht der Beitrag mehr Bilder? Ist die Information noch aktuell? Sollte ich erst das Design überarbeiten? Müsste die Website nicht schneller werden? Ist Hugo noch das richtige System? Wäre Astro besser? Sollte man nicht zunächst sämtliche Inhalte migrieren, alle Bilder neu komprimieren und nebenbei die gesamte Informationsarchitektur überdenken?
Und schon sitzt man drei bis zehn Jahre später vor einem hervorragend konfigurierten Blog, auf dem nichts Neues steht.
Das ist ein bisschen wie der Plan, morgens eine Runde zu gehen. Erst muss man noch einen Kaffee trinken. Dann beginnt es zu regnen. Danach ist es zu heiß. Gegen Abend wäre das Licht schön, aber nun ist die Ringstraße voll. Morgen passt es bestimmt besser.
Der Strand bleibt unterdessen völlig unbeeindruckt liegen.
Warum ein alter Blog immer schwerer wird
Je länger man nichts veröffentlicht, desto wichtiger und weltbewegend-sein-müssender erscheint der nächste Beitrag.
Nach zwei Wochen Pause kann man irgendeine kleine Beobachtung veröffentlichen. Nach zwei Jahren glaubt man, eine Erklärung abgeben zu müssen. Nach fünf Jahren sollte der erste neue Beitrag möglichst die Weltlage einordnen, die eigene Abwesenheit erklären, einen Neustart ankündigen und gleichzeitig literarisch wertvoll sein.
Das ist doch Unsinn.
Niemand sitzt seit Jahren vor samui-samui.de und drückt alle zehn Minuten auf Aktualisieren. Wahrscheinlich. Und falls doch, möchte ich mich an dieser Stelle entschuldigen und darauf hin weisen, dass es Hilfe gibt ;]
Die eigentliche Hürde ist nicht der fehlende Stoff. Es ist die Vorstellung, dass ein neuer Beitrag die lange Pause rechtfertigen müsse. Aus einem simplen Blogeintrag wird dadurch ein Staatsakt. Und Staatsakte neigen dazu, verschoben zu werden.
Wie man aus dem Loch wieder herauskommt
Egal. Ich habe keine revolutionäre Methode gefunden. Vermutlich gibt es sie nicht. Aber es gibt einige Regeln, mit denen sich die Sache weniger kompliziert machen lässt.
1. Einen kleinen Beitrag schreiben
Nicht jeder Text muss ein umfassender Reiseführer über Thailand sein.
Ein kaputter Strommast, eine neue Ampel, ein ungewöhnliches Essen oder ein Hund, der seit drei Tagen denselben schattigen Parkplatz bewacht, können ausreichen. Blogs leben nicht nur von großen Ereignissen. Sie leben von Beobachtungen.
Gerade auf Koh Samui sind die kleinen Veränderungen oft interessanter als die nächste Liste der zehn schönsten Strände. Übrigens sind die nur solange die schönsten Strände bis sie jemand listet und dann alle dort hin gehen.
2. Schreiben und Veröffentlichen wieder trennen
Ein Entwurf muss nicht am selben Tag fertig werden. Er muss zunächst nur existieren.
Drei Absätze sind besser als die perfekte Einleitung, die man seit sechs Monaten im Kopf umformuliert. Bilder, Links und weitere Informationen können später ergänzt werden. Ein leerer Editor lässt sich nicht überarbeiten.
3. Nicht auf Motivation warten
Motivation ist in meinem Leben ungefähr so zuverlässig wie eine Wettervorhersage während der Regenzeit.
Man kann warten, bis die Bedingungen ideal sind. Man kann aber auch anfangen, obwohl es zu heiß ist, nebenan gebaut wird und irgendwo seit zwanzig Minuten ein Hund bellt.
Motivation erscheint häufig erst, nachdem man begonnen hat. Leider nicht vorher, wenn sie nützlicher wäre.
4. Die technische Arbeit begrenzen
Ein Blogsystem ist nie fertig. Es gibt immer eine Abhängigkeit, die aktualisiert werden möchte, ein Bildformat, das angeblich besser wäre, oder eine Komponente, die man komplett neu schreiben könnte.
Technische Verbesserungen sind sinnvoll. Sie sind aber kein Ersatz für Inhalte.
Meine neue Regel lautet deshalb: Erst schreiben, dann an der Website herumbasteln. Zumindest meistens. Vermutlich.
Ich habe dann auch drei Stunden damit zugebracht, die wirklich nette “wir bauen” Leiste oben auf dieser Seite zu erstellen.
5. Eine Themenliste führen
Die besten Themen fallen einem grundsätzlich dann ein, wenn man nicht schreiben kann: auf dem Motorroller, unter der Dusche oder nachts kurz vor dem Einschlafen.
Deshalb gehört jede Idee sofort auf eine Liste. Nicht als ausgearbeiteter Redaktionsplan, sondern als kurze Gedächtnisstütze. Eine solche Liste nimmt dem leeren Editor einen Teil seines Schreckens.
6. Nicht jeden Beitrag optimieren
Ein persönlicher Blog darf persönlich sein.
Nicht jeder Titel muss auf eine Suchanfrage zielen. Nicht jeder Absatz benötigt eine Funktion. Manchmal reicht es, etwas festzuhalten, weil es passiert ist oder weil man sich später daran erinnern möchte.
Viele meiner alten Beiträge sind heute gerade deshalb interessant, weil sie keine zeitlosen Ratgeber sein wollten. Sie zeigen einen bestimmten Moment. Einige zeigen zusätzlich, wie großzügig man früher mit Rechtschreibung, Bildgrößen und HTML umgegangen ist.
Auch das ist Zeitgeschichte.
7. Eine realistische Frequenz wählen
“Täglich bloggen” klingt beeindruckend und endet wahrscheinlich am vierten Tag.
Ein Beitrag pro Woche kann ebenfalls schnell zur Belastung werden. Ein vernünftiges Ziel wäre zunächst: regelmäßig genug, dass der Blog nicht wieder in einen mehrjährigen Winterschlaf fällt.
Wobei “Winterschlaf” auf Koh Samui klimatisch nicht ganz passt. Nennen wir es einen ausgedehnten Aufenthalt im Schatten.
Regeln gegen die nächste Blogdepression
Damit das Ganze nicht in drei Monaten wieder endet, braucht es ein paar Verteidigungsregeln:
- Kein Beitrag muss wichtig sein. Interessant, persönlich oder unterhaltsam reicht.
- Ein kurzer Beitrag zählt vollständig. Es gibt keine Mindestlänge.
- Ein verpasster Termin ist kein Abbruch. Der nächste Text erscheint einfach später.
- Technische Arbeiten ersetzen keinen Beitrag. Auch nicht dann, wenn sie dringend aussehen.
- Entwürfe dürfen schlecht sein. Dafür sind sie Entwürfe.
- Nicht alles muss aktuell sein. Auch Erinnerungen und ältere Geschichten gehören hierher.
- Keine großen Neustartversprechen. Der Blog wird nicht “ab jetzt jeden Dienstag” erscheinen.
- Das Leben hat Vorrang vor seiner Dokumentation. Aber gelegentlich sollte die Dokumentation aufholen.
- Veröffentlichen ist wichtiger als perfektionieren.
- Nach einer Pause wird nicht erklärt, warum die Pause passiert ist. Außer man schreibt einen ganzen Beitrag darüber.
Und nun?
samui-samui.de ist von Hugo zu Astro umgezogen. Das war notwendig (aller halbe Jahre war was kaputt, ohne dass man selbst Hand anlegen musste), macht Spaß (ich habe die vergangenen Monate damit zugebracht, viele Websites von einem Tool auf das andere umzuziehen) und bietet gleichzeitig hervorragende Möglichkeiten, das eigentliche Schreiben weiter aufzuschieben.
Deshalb ist dieser Beitrag ein Gegenversuch.
Der Blog soll wieder ein Ort werden, an dem nicht nur Feiertagslisten, alte Meldungen und technische Überreste liegen. Es soll wieder um das Leben auf Koh Samui gehen: um Veränderungen, Merkwürdigkeiten, Alltag, Inselpolitik, Wetter, Menschen, Essen und alles, was hier normal erscheint, bis man versucht, es jemandem außerhalb Thailands zu erklären.
Ob daraus jede Woche ein neuer Beitrag wird, verspreche ich nicht.
Aber nach mehreren Jahren ist bereits ein zweiter Beitrag innerhalb desselben Jahrzehnts ein realistischer Fortschritt und wir befinden uns statistisch noch voll in diesem Durchschnitt.
Patrick Kollitsch (Dipl. Ing. (FH), soviel Zeit muss sein) hat die ersten 18641 Tage seines Lebens hinter sich und die letzten 7861 Tage davon in Thailand auf Koh Samui, einer kleinen aber ausreichend großen Insel im Golf von Thailand, zu-, ge-, über-, be- und verbracht.
Nun allein bewohnt er einen kleinen Bungalow unter Palmen in Bang Por im Nordwesten der Insel.
In seiner Un-Freizeit bietet er klein- und mittelständischen Unternehmen auf der Insel (und im gesamten südostasiatischen Raum) Dienstleistungen rund um “everything online” an. Man kennt ihn als David’s Neighbour --- Online Marketing made in Paradise, denn nichts geht über einen wirksamen Slogan.
Er schreibt hier auf Samui? Samui! über das ganz alltägliche Leben als Farang in Thailand, die Höhen und Tiefen des Lebens und andere Dinge, die ihn interessieren.